abc - art berlin contemporary 2010
BitteBitteJaJa CADAVRES EXQUIS VIVANTS Lebendige Leichen? - Die sonst so stolze und eigenwillige Katherine Hepburn blickt den Tränen nah und auf Erlösung harrend auf ihr halb zu Stein gemeißeltes Dasein. Verzaubert dazu eine Kaffeemaschine, deren brennende Zündschnur nur noch Sekunden bis zur Explosion braucht, in wiederholtem Ritual zu füllen. Franz von Assisi, der mit den Tieren redet, ist hier ein grobschlächtiger Typ, dem der Geifer aus dem Munde rinnt, während er ein kleines goldenes Vögelchen füttert und sich seine zappelige untere Hälfte abmüht, die Weltkugel in einer Bonbonniere in Bewegung zu halten. Man glaubt ihm die Zärtlichkeit für das zarte Wesen nicht wirklich, diesem Metzgerburschen und ahnt Schlimmes. Oder Felix Mendelson, der zum Christentum konvertierte Ausnahmekomponist, ist hier ein provozierender Halbstarker mit Sonnengott-Haupt und Krebsfüßen. Am heimischen Esstisch fordert er die bürgerliche Farce heraus, indem er die Mutter mit seinem entblößten Genital brüskiert. Dies, wie der Off-Ton suggeriert, um endlich ein eigenes Leben zu beginnen und seine Liebste – oder Schwester – zu beeindrucken. Surreal und verwirrend sind sie, diese narrativen Kreationen, die ästhetisch in ganz eigenem Stil mal an Märchen, mal an Monstergeschichten oder Science Fiction erinnern. Was ist los, mit diesen Video-Portraits und ihren bedeutungsvollen Namen wie Erasmus von Rotterdam, Daphne, Kopernikus oder Marcel Proust? Ulu Braun und Roland Rauschmeier alias BitteBitteJaJa stellen mit der Galerie Olaf Stüber eine Serie von Videocollagen aus, die sie Cadavres Exquis Vivants nennen. Braun und Rauschmeier, die beide auch als Einzelkünstler in Erscheinung treten, arbeiten bereits seit 1997 zusammen und haben seither die Methode der Cadavres Exquis für das Videoformat weiterentwickelt. Dabei handelt es sich um eine von den Surrealisten für die Kunst adaptierte kollaborative Methode, bei der mehrere AutorInnen einen Text oder eine Zeichnung entstehen lassen, ohne den Part des Vorgängers zu kennen. Ziel dieser Praxis war es, den Zufall, das Unbewusste und Dissoziative an die Macht zu holen und somit nicht nur herkömmliche Vorstellungen von Kunst, sondern auch die herkömmlichen Vorstellungen von Subjektivität zu unterminieren. Im Fokus stand plötzlich nicht mehr Rationalität und Ausgeglichenheit, sondern das Unpassende und Disparate. Wie sind sie nun zu lesen, diese „lebenden exquisiten Leichen“ - so die deutsche Übersetzung der Cadavres exquis vivants? Abgesehen vom widersprüchlichen Titel erscheint fast alles widersprüchlich, verrückt und auseinanderdriftend. Die Portraits bedeutsamer Männer (und weniger Frauen) sind eher Anti-Portraits oder eine Ansammlung von Freaks, denn eine Ahnengalerie ehrenhafter Menschen. In diesem Sinne sind BitteBitteJaJa ganz dem surrealistischen Geist verpflichtet. Homogene Identitäten werden zugunsten kollektiver und zusammen gebastelter Seinsweisen verschoben, bei denen die herkömmlichen Grenzen nicht mehr stimmen. Alles ist ins Fliessen geraten, häufig fließt irgendwo ein Wasser, die Grenzen zwischen Menschen und Tieren, Chimären und Monstern, Lebendigem und Unbelebtem ist irrelevant geworden. Alles erscheint möglich, und gerade darin im zutiefst paradoxen Sinn des Wortes un/möglich, nämlich empörend, weil unsere Vorstellung von Normalität verletzend. Subjekt-Sein wird als etwas dargestellt, das mehr ist als die im dualen Verständnis angelegten Körpergrenzen sowie gesellschaftlich sanktionierte Subjektivität. |
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